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Jean-Henry
Dunant
Der Gründer des Roten Kreuzes
Jean-Henry Dunant (1828 - 1910) war Bankrotteur und Genie zugleich. Wie viele Menschen,
die ihrer Zeit voraus sind, hatte er eine große Idee, die bis heute weiterlebt.
Doch die Gründung des Roten Kreuzes war nicht seine einzige Leistung: Dunant
setzte sich außerdem für die Gleichberechtigung der Frau ein und war bei der
Entstehung des "Christlichen Vereins Junger Männer" (CVJM) wesentlich
beteiligt. Er war ein Mensch, der Gutes tat, den Bedürftigen, Armen und
Leidenden die Not lindern wollte. Sein eigenes Schicksal jedoch meinte es nicht
immer gut mit ihm: Jean-Henry Dunant verbrachte viele Jahre seines Lebens als
Totgesagter.
Kindheit,
Jugend- und Lehrjahre
In Genf, dem späteren Sitz des Internationalen Komitee des Roten Kreuzes (IKRK),
wird am 8. Mai 1828 Jean-Henry Dunant als Sohn eines Kaufmanns geboren. Von
Beginn an sozial engagiert tritt Dunant 1846 der "Gesellschaft für
Almosenspenden" in Genf bei. Ein Jahr später gründet er auf dem
elterlichen Landgut die so genannte "Donnerstags-Vereinigung": Junge
Menschen treffen sich zu Bibelstudien. Sie besuchen Hungernde und Kranke,
helfen Alten und halten Vorlesungen in Gefängnissen. Wegen schlechter Noten
muss Dunant 1852 das Gymnasium frühzeitig verlassen und beginnt eine Banklehre
in Genf. Noch im gleichen Jahr gründet Dunant als 24-Jähriger den
"Christlichen Verein Junger Männer" (CVJM), heute "Christlicher
Verein junger Menschen". Der CVJM agiert bis heute unter dem Motto
"Dass sie alle eins seien" (Johannes-Evangelium). Die zwei Hauptziele
betonen für "Einheit" zu arbeiten und nach "dem Reich
Gottes" auf Erden zu streben. Das bedeutet, für eine Gesellschaft zu
arbeiten, die geprägt ist von Gerechtigkeit, Frieden und Liebe, gemäß der Lehre
Jesu Christi.
Erste
Schritte als Geschäftsmann
1853 wird Jean-Henry Dunant zum Interims-Direktor der "Gesellschaft der
Kolonien von Setif". Er reist in den folgenden Jahren zweimal nach
Algerien und beginnt in der Schweiz aktiv um Kolonisten zu werben. 1856 gründet
Dunant gemeinsam mit einem Freund eine Kolonialgesellschaft und erhält eine
Landkonzession in Algerien. Dunant will in den Bau von Mühlen investieren. Zu
diesem Zweck gründet er eine Finanz- und Aktiengesellschaft. 1858 benötigt er
lediglich noch Ländereien, die das Getreide für die Mühlen liefern sollen. Doch
die Geschäfte geraten ins Stocken, die kolonialen Behörden leisten Widerstand.
Der Geschäftsmann Dunant hat die Idee, kurzerhand mit dem zuständigen Kaiser zu
sprechen, um seine Geschäfte ins Laufen zu bringen. 1859 macht sich der
Handelsmann Dunant auf zu einer Besprechung mit den französischen Kaiser
Napoleon III.
Die Schlacht von Solferino - eine Idee wird geboren
Der Kaiser
schenkt dem Kaufmann kein Gehör, denn er kämpft mit seinem Heer und den
Italienern gerade gegen die Österreicher. Die entscheidende Schlacht ist am
Abend des 28. Juni 1859 bei Solferino, südlich des Gardasees. Napoleon III.
geht als Sieger hervor, doch 40.000 Soldaten bezahlen diesen Sieg mit dem
Leben. Unzählige Verletzte bleiben auf dem Schlachtfeld zurück. Die Einwohner
der nahe gelegenen Stadt Castiglione versorgen die Verwundeten beider Fronten
so gut sie können. Der Ruf "Siamo tutti fratelli" - "Wir sind
alle Brüder" macht die Runde. Dunant sieht das Elend, packt mit an und
bleibt, um die Verwundeten zu versorgen.
Ein Jahr später schreibt Dunant sein Buch "Eine Erinnerung an
Solferino". Darin berichtet er eindringlich von den Gräueln des Krieges.
Das Buch druckt Dunant auf eigene Kosten und schickt es an einflussreiche
Persönlichkeiten in ganz Europa. Sein Appell für eine bessere Versorgung und
den neutralen Schutz von Verwundeten in bewaffneten Konflikten trifft auf eine
breite Zustimmung. Dunants Erlebnisbericht spiegelt die Erfahrungen und
Gedanken vieler Militärs wider und rüttelt in zahlreichen europäischen Ländern
Politiker, Militärs und Mediziner auf. Die Gründung des Roten Kreuzes
1863 stellt Dunant seine Ideen bei der "Gemeinnützigen Gesellschaft
von Genf" vor. Diese setzt ein fünfköpfiges Komitee ein, das prüfen soll,
wie die Ideen Dunants umgesetzt werden können. Dunant wird Sekretär dieses
Komitees, das erstmals am 17. Februar 1863 tagt. Dieses Treffen gilt als
Gründungsdatum des "Internationalen Komitee des Roten Kreuzes"
(IKRK). Dunant reist durch ganz Europa und wirbt in der Öffentlichkeit und bei
zahlreichen Regenten für seine Idee - mit Erfolg. Seine Vorstellungen stoßen
auf Zustimmung. Im Oktober 1863 treffen sich erstmals Delegierte aus 16 Ländern
und fassen bei einer Konferenz die grundlegenden Beschlüsse. Bereits im März
1864 wird die Rotkreuzarmbinde im Deutsch-Dänischen Krieg zum ersten Mal
verwendet. Am 22. August 1864 wird das "Erste Genfer Abkommen" von
zwölf Staaten unterzeichnet.
Wirtschaftlicher Abstieg
In den folgenden Jahren wächst Dunants Idee, doch seine Geschäfte geraten ins
Stocken. Seine Mühlengesellschaft ist stark angeschlagen. 1867, auf dem
Höhepunkt seines Ansehens, erleidet Dunant seinen wirtschaftlichen
Zusammenbruch. Er verliert sein gesamtes Vermögen, seine Familie und Freunde
verlieren ihre Investitionen in die Aktiengesellschaft. Im noblen Genf ist
Dunant geächtet. Er verlässt noch im gleichen Jahr seine Heimatstadt und wird
sie Zeit seines Lebens nicht mehr betreten. Für das IKRK ist er untragbar
geworden. Als Sekretär des Komitees muss er zurücktreten. Dunant siedelt nach
Paris über. Dort lebt er in ärmlichen Verhältnissen und verdient seinen
Lebensunterhalt als Journalist. Im August 1868 wird Dunant durch ein Genfer
Zivilgericht wegen Bankrotts verurteilt. In den folgenden vier Jahren reist
Dunant weiterhin viel durch Europa und wirbt seine Idee einer "Allgemeinen
Fürsorgegesellschaft". Im September 1872 bricht er vor Hunger während
eines Vortrages zusammen.
Der Totgesagte
Dunant verarmt immer mehr und übernachtet unter Brücken und in Bahnhöfen. 1876
nimmt ihn Pfarrer Ernst Wagner in seinem Haus in Stuttgart auf. Dunant verschwindet
mehr oder weniger von der Bildfläche der Öffentlichkeit und wird für tot
gehalten. 1881 bis 1884 hält sich Dunant zum ersten Mal in Heiden in der
Schweiz auf. Nachdem der Stuttgarter Pfarrer stirbt, muss Dunant seine
Unterkunft verlassen. Nach erneuten Aufenthalten in Paris und London lässt er
sich in dem Appenzeller Dorf Heiden nieder und lebt in ärmlichen Verhältnissen.
Seine Familie setzt für ihn eine kleine Rente aus. Diese reicht gerade für ein
Zimmer im dortigen Armenhospital. Lediglich ein Dorfschullehrer kümmert sich um
Dunant.
Späte Ehrung
1895 wird jedoch die Weltpresse erneut auf Dunant aufmerksam: "Der Gründer
des Roten Kreuzes lebt!" heißt es in den Zeitungen. Dunant beginnt einen
Briefwechsel mit Bertha von Suttner und wird durch Papst Leo XIII. geehrt.
Weitere Ehrungen und Auszeichnungen häufen sich. Am 10. Dezember 1901 erhalten
Jean-Henry Dunant und Frédéric Passy den ersten Friedensnobelpreis. Nichts von
dem Geld verwendet Dunant für sich. Er wohnt weiterhin in seinem Zimmer im
Armenhospital. Am 30. Oktober 1910 stirbt Jean-Henry Dunant mit 82 Jahren.
Seine letzten Worte sind: "Ich wünsche zu Grabe getragen zu werden wie ein
Hund, ohne eine einzige von eueren Zeremonien, die ich nicht anerkenne. Ich
rechne auf eure Güte zuversichtlich, über meinen letzten irdischen Wunsch zu
wachen. Ich zähle auf eure Freundschaft, dass es so geschehe. Ich bin ein
Jünger Christ wie im ersten Jahrhundert, und sonst nichts." Am 2. November
1910 wird Jean-Henry Dunant auf dem Friedhof Sihlfeld in Zürich beerdigt.
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